”
Flora von SteimkerPostDoc an der Uni Göttingen, tätig im Verbundvorhaben Agri:change (Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung)
Ende Januar 2026 ist das Projekt InnoRind – Zukunftsfähige Rinderhaltung in Deutschland unter Berücksichtigung von Tierwohl, Umweltwirkungen und gesellschaftlicher Akzeptanz – abgeschlossen worden. Der Lehrstuhl für Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte an der Universität Göttingen untersuchte im Querschnittsthema gesellschaftliche Akzeptanz, wie Bürgerinnen und Bürger sowie Milchviehhaltende die Emotionen und Bedürfnisse von Kühen und Kälbern wahrnehmen und vier Kälberaufzuchtsysteme bewerten.
Die frühe Trennung von Kuh und Kalb sowie die anschließende Einzelhaltung stehen zunehmend in der öffentlichen Kritik. Für viele Bürgerinnen und Bürger ist der fehlende Kuh-Kalb-Kontakt ein Symbol dafür, dass Bedürfnisse der Tiere zu wenig berücksichtigt werden. Milchviehbetriebe müssen aber zugleich Tiergesundheit, Tränkeversorgung, Arbeitsabläufe, Stallstrukturen und Wirtschaftlichkeit im Blick behalten.
Die InnoRind-Studien zeigen deutliche Unterschiede zwischen Gesellschaft und Landwirtschaft – aber auch einen gemeinsamen Ausgangspunkt und einen möglichen Kompromiss.
Kühe und Kälber gelten auf beiden Seiten als empfindungsfähig
Eine qualitative Vorstudie befragte jeweils 15 Bürgerinnen und Bürger sowie Milchviehhaltende durch Interviews. Eine anschließende quantitative Befragung umfasste knapp 1.000 Bürgerinnen und Bürger und rund 120 Milchviehhaltende. Beide Gruppen sprechen Kühen und Kälbern ein breites Emotionsvermögen zu. Milchviehhaltende schrieben Kühen im Durchschnitt dabei stärkere emotionale und kognitive Fähigkeiten zu als Bürgerinnen und Bürger. Der Konflikt um die Kälberaufzucht entsteht daher nicht durch grundsätzlich unterschiedliche Vorstellungen von der Empfindungsfähigkeit der Tiere. Entscheidend ist vielmehr, welche Bedürfnisse als besonders wichtig gelten und was unter betrieblichen Bedingungen umsetzbar erscheint.
Bürgerinnen und Bürger fokussieren vor allem Haltungsumgebung, Kuh-Kalb-Kontakt, Bewegungsfreiheit und Sozialkontakte; Milchviehhaltende stärker Management, Gesundheitskontrolle, Versorgung und den täglichen Umgang mit dem Kalb – so das Ergebnis der qualitativen Interviews. Details zu dieser Studie können Sie in Milchtrends im November 2023 nachlesen.
Vier Systeme – unterschiedliche Bewertungen
In der breiten Befragung wurden vier Systeme bewertet: Einzelhaltung (früh von der Mutter getrennt, in den ersten Wochen einzeln), frühe Gruppenhaltung (früh getrennt, nach der Geburt zu zweit oder in kleinen Gruppen), ammengebundene Aufzucht (eine Kuh säugt neben dem eigenen weitere Kälber) und muttergebundene Aufzucht (das Kalb wächst zunächst bei der eigenen Mutter auf).
Bei Bürgerinnen und Bürgern erhielt die muttergebundene Aufzucht die höchste Zustimmung, gefolgt von der ammengebundenen Aufzucht und der frühen Gruppenhaltung; die Einzelhaltung wurde deutlich abgelehnt. Milchviehhaltende bewerteten die frühe Gruppenhaltung am besten, Einzel- und ammengebundene Aufzucht lagen im Mittelfeld, die muttergebundene Aufzucht am niedrigsten. Gesellschaftlich werden Systeme mit Kuh-Kalb-Kontakt bevorzugt, für viele Betriebe ist die frühe Gruppenhaltung jedoch der praktikablere Entwicklungsschritt.
Emotionen werden gesehen – Bedürfnisse entscheiden
Für die gesellschaftliche Akzeptanz ist wichtig, ob zentrale Bedürfnisse sichtbar erfüllt werden. Besonders mit höherer Akzeptanz verbunden waren gute Ernährung, Bewegungsfreiheit, Komfort sowie Möglichkeiten zum Spielen und Erkunden.
Für die Kommunikation bedeutet das: Nicht nur allgemein über Tierwohl sprechen, sondern konkret zeigen, was Kälber im jeweiligen System erhalten und tun können, wie z. B. ausreichend Milch und Futter, Platz, Kontakt zu anderen Kälbern, eine saubere Liegefläche sowie Spiel- und Erkundungsmöglichkeiten.
Die Kuh-Kalb-Bindung nimmt eine Sonderrolle ein: Für Bürgerinnen und Bürger war sie das wichtigste Bedürfnis und ein moralischer Orientierungspunkt. Systeme mit Kuh-Kalb-Kontakt wirken für sie natürlicher und wurden mit mehr Tierwohl assoziiert. Milchviehhaltende priorisierten dagegen die gute Ernährung der Kälber. Die Bindung zwischen Kuh und Kalb wird hingegen als am wenigsten wichtig bewertet. Darin zeigt sich ein Spannungsfeld zwischen wahrgenommenen Bedürfnissen und betrieblicher Umsetzbarkeit.
Das produktive Paradox der Milchviehhaltung
Das sogenannte produktive Paradox hilft, dieses Spannungsfeld zu verstehen: Milchviehhaltende sind zugleich Tierbetreuende und Produzierende. Sie nehmen Kälber als emotional und kognitiv anspruchsvolle Tiere wahr und erwarten in der Einzelhaltung eher negative Erfahrungen wie Einsamkeit, Stress oder Angst. Gleichzeitig wird die muttergebundene Aufzucht vergleichsweise kritisch bewertet und die Wichtigkeit der Bindung abgewertet.
Ein wichtiger Grund dafür liegt vermutlich in den erwarteten praktischen und wirtschaftlichen Herausforderungen solcher Systeme. Auch wenn diese im Rahmen der Studie nicht direkt abgefragt wurden, zeigen andere Untersuchungen, dass viele Milchviehhaltende kuhgebundene Systeme als schwer umsetzbar einschätzen. Genannt werden unter anderem Fragen zur Steuerung der Milchaufnahme, zu baulichen Gegebenheiten sowie zur Wirtschaftlichkeit. Vor diesem Hintergrund kann es nachvollziehbar sein, dass Betriebe solche Systeme zurückhaltend bewerten – selbst dann, wenn sie deren Vorteile für das Tierwohl grundsätzlich erkennen.
Um den inneren Widerspruch zwischen dem eigenen Anspruch an Tierwohl und den wahrgenommenen betrieblichen Grenzen zu bewältigen, kann es somit passieren, dass bestimmte Bedürfnisse, wie die Kuh-Kalb-Bindung, in der Bewertung weniger stark gewichtet werden, um den benannten inneren Konflikt zu lösen. Somit hilft dieses produktive Paradox zu verstehen, warum alternative Haltungsformen, die aus Tiersicht Vorteile bieten könnten, in der Praxis nicht immer im Vordergrund stehen.
Was der Online-Bürgerrat zeigt
Ob Informationen diese Bewertungen verändern, wurde in einem fünfwöchigen Online-Bürgerrat mit 81 Bürgerinnen und Bürgern untersucht. Sie erhielten Informationen zu den Systemen, zu Argumenten unterschiedlicher Akteure sowie zu Kosten, Wirtschaftlichkeit und praktischen Herausforderungen. Ein solcher Bürgerrat soll im Gegensatz zu einem kurzen Interview sicherstellen, dass die Teilnehmenden sich einlesen und eindenken und damit ein fundierteres Urteil abgeben.
Die Einzelhaltung verlor im Prozess weiter an Akzeptanz, während die mutter- und ammengebundene Aufzucht auf hohem Niveau blieben. Die frühe Gruppenhaltung wurde durchgängig moderat bewertet.
Bei der abschließenden Abstimmung wählte etwa ein Drittel die frühe Gruppenhaltung als gesetzlichen Mindeststandard; jeweils knapp ein Drittel bevorzugte die ammen- oder muttergebundene Aufzucht. Die Einzelhaltung erhielt kaum Zustimmung. Die hohe Wertschätzung kuhgebundener Systeme spiegelt damit nicht nur Unwissen, sondern grundlegende Werte. Zugleich konnten die Teilnehmenden zwischen einem wünschenswerten Ideal und einem praktisch umsetzbaren Mindeststandard unterscheiden. Insgesamt bleiben die erwünschten Anforderungen an die Tierhaltung aber hoch.
Was bedeutet das für die Praxis?
1. Zielkonflikte kritisch reflektieren
Das produktive Paradox kann bestehende Praktiken stabilisieren: der innere Konflikt zwischen Fürsorgeverantwortung und produktionsbedingten Anforderungen kann dazu beitragen, bestehende Praktiken, Haltungssysteme und Routinen zu rechtfertigen. Neben ökonomischen Lösungen sollte daher auch die Aus- und Weiterbildung Raum bieten, die Spannung zwischen Fürsorgeverantwortung und Anforderungen wie Arbeitszeit, Tierkontrolle, Milchmanagement und Wirtschaftlichkeit offen zu reflektieren und dafür zu sensibilisieren. Das kann die Bereitschaft erhöhen, sich mit alternativen, stärker tierwohlorientierten Systemen wie Formen des Kuh-Kalb-Kontakts auseinanderzusetzen.
2. Frühe Gruppenhaltung als realistischen Weg prüfen
Die frühe Gruppenhaltung ist die deutlichste Schnittmenge zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und betrieblicher Akzeptanz. Ein Einstieg über frühe Paarhaltung kann sozialen Kontakt ermöglichen, ohne die Aufzuchtorganisation vollständig umzustellen. Voraussetzung sind ein passendes Tränkemanagement, ausreichende Fress- und Liegeplätze, gute Hygiene, Tierbeobachtung sowie Platz für Bewegung, Spiel und Rückzug.
3. Tierwohl konkret und nachvollziehbar kommunizieren
Ein allgemeines Tierwohlversprechen reicht nicht aus. Wichtig ist die sichtbare Bedürfniserfüllung. Erkennbar werden sollte, wie Kälber aufwachsen, versorgt werden und welche Bedürfnisse das System erfüllt. Transparente Informationen, Hofbesuche und Einblicke in den Betriebsalltag können dabei helfen.
4. Akzeptanz und Zahlungsbereitschaft getrennt betrachten
Die frühe Gruppenhaltung kann gesellschaftliche Akzeptanz stärken, führt aber nicht automatisch zu höherer Zahlungsbereitschaft und eignet sich daher vor allem zur Weiterentwicklung des Standards. Kuhgebundene Systeme bieten eher Potenzial für die Premiumvermarktung: Starke Befürworter der muttergebundenen Aufzucht (15 %) und Kompromissbereite für sowohl muttergebundene als auch ammengebundene Systeme (23 %) machen zusammen rund 38 % der Bevölkerung aus. Sie zeigen hohe Zustimmung zu Kuh-Kalb-Kontakt-Systemen und eine erhöhte Zahlungsbereitschaft. Voraussetzung sind eine klare Kennzeichnung von Produkten aus kuhgebundenen Systemen unter gemeinsamen Label und eine zielgruppengerechte Kommunikation. Der Weg dazu ist aber noch lang. Wir berichteten im August 2024 bereits über diese Thematik.
Fazit: Nicht Emotionen zählen allein, sondern die erkennbare Bedürfniserfüllung
Gesellschaft und Landwirtschaft teilen eine zentrale Grundlage: Beide sehen Kühe und Kälber als empfindungsfähige Wesen. Für Bürgerinnen und Bürger steht die Kuh-Kalb-Bindung im Zentrum; Milchviehhaltende betonen Versorgung, Gesundheit und Management. Entscheidend für gesellschaftliche Akzeptanz ist, dass zentrale Bedürfnisse der Kälber nachvollziehbar erfüllt werden. Die frühe Gruppenhaltung kann dabei eine realistische Brücke bilden: Sie ersetzt nicht alle Diskussionen um kuhgebundene Systeme, eröffnet aber einen konkreten Entwicklungspfad weg von der Einzelhaltung hin zu einer Kälberaufzucht, die für Praxis und Gesellschaft anschlussfähig und in vielen Fällen kostenmäßig umsetzbar ist.
Autorin/Ansprechpartnerin:
Flora von Steimker
flora.steimker@uni-goettingen.de
Arbeitsbereich Marketing für Lebensmittel und Agrarprodukte
Georg-August-Universität Göttingen
Platz der Göttinger Sieben 5
37073 Göttingen
Dieser Artikel wurde durch die Landwirtschaftliche Rentenbank finanziell gefördert.
Zum Weiterlesen:
Innovationsnetzwerk Rind (InnoRind) (2026): Konzepte zur Kälberhaltung in Deutschland – Ergebnisse, Empfehlungen und Ausblicke aus dem Forschungsprojekt InnoRind. Stand: Januar 2026. Kiel: Christian-Albrechts-Universität zu Kiel. Online verfügbar unter: https://www.uni-kiel.de/fileadmin/user_upload/mandanten/agrar-und-ernaehrungswissenschaftliche-fakultaet/forschen/innorind-ag-kalb-final-260116.pdf (zuletzt abgerufen am 23.06.2026).
Zuerst erschienen auf Milchtrends