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Projekterfahrungen aus dem ländlichen Raum Osthessens

Schüler*innen beruflicher Schulen werden in der Bildungspolitik selten mitgedacht. Die aktuelle Studie „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“, die gemeinsam vom Lehrstuhl für Soziologie Ländlicher Räume der Universität Göttingen und der Stiftung Adam von Trott in Imshausen durchgeführt wird, bestätigt dringenden Handlungsbedarf im Fach Politik sowie der politischen Bildung an beruflichen Schulen.

Schüler*innen beruflicher Schulen – die übersehene Zielgruppe?

Wenig ist bekannt über die politische Haltung von Schüler*innen beruflicher Schulen. Das kann auch nicht verwundern, denn diese Schüler*innengruppe steht nur selten im Fokus wissenschaftlicher Betrachtungen. Selbst großangelegte Befragungen wie die 18. Shell-Jugendstudie, die Jugendstudie Baden-Württemberg 2020 oder die Sinus-Jugendstudie 2020 geben nur wenig Einblick in ihr Leben *1. Zuletzt machte die Friedrich-Ebert-Stiftung 2019 mit ihrer Untersuchung „Wer hat, dem wird gegeben“ darauf aufmerksam, dass vor allem die ohnehin gut ausgerüsteten Gymnasiast*innen von politischer Bildung profitieren. Vernachlässigt wird hingegen die Vermittlung wichtiger Grundkompetenzen in Demokratie und gesellschaftlicher Teilhabe bei Haupt- und Schüler*innen beruflicher Schulen *2.

Beunruhigend erscheinen auch die Ergebnisse der 18. Shell Jugendstudie: 24% der befragten Jugendlichen neigen populistischen Positionen zu und 9% können in ihrer Haltung als „nationalpopulistisch“ eingestuft werden. Ein klarer Zusammenhang ließ sich zwischen Schulform bzw. –abschluss und den Zustimmungswerten zu populistischen Haltungen zeigen: Je geringer die formale Bildung, umso eher neigen die Jugendlichen extrem rechten politischen Positionen zu und lehnen demokratische Positionierungen eher ab *3. Außerdem fühlen sich diese Jugendlichen im besonderen Maße nicht ausreichend einbezogen, was die Gestaltung ihrer Lebenswelt angeht *4.

Ländlicher Raum und (extrem) rechte Weltsicht

Geht es um den Zusammenhang zwischen (extrem) rechten Einstellungen, „Rechtspopulismus“ und Raumstruktur, so stechen immer wieder ländliche Räume und strukturschwache Regionen als Schwerpunkte extrem rechter Wahlerfolge hervor. Auch in Ost-Hessen liegen die Ergebnisse für die AfD bei allen Wahlen der vergangenen Jahre durchweg über ihrem Landes- und Bundesschnitt – im Mittel mit 3% *5.[5] Hinzu kommen Monitoringberichte, die eindeutig zeigen: auch in Ost-Hessen gehören Antisemitismus und Rassismus zum Alltag, Angriffe und extrem rechte Aktivitäten lassen sich flächendeckend feststellen *6.

Das Innovationsprojekt „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“

An der Schnittstelle berufliche Schulen – ländlicher Raum – Demokratieförderung bzw. -gefährdung setzt das Projekt „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“ an. Bearbeitet wird das Innovationsprojekt, das durch das Bundesprogramm „Demokratie Leben!“ finanziert wird, am Lehrstuhl für Soziologie ländlicher Räume der Georg-August-Universität Göttingen und dem Verein „Stiftung Adam von Trott, Imhausen e.V.“ (SAvT). Imshausen ist Ankerpunkt des Projektes, denn der Verein liegt inmitten des osthessischen Landkreises Hersfeld-Rotenburg, der als AfD-Hochburg in der Region gelten kann. Die am Projekt beteiligten beruflichen Schulen liegen nur eine kurze Autofahrt entfernt. Ausgangsidee des Projektes war es, nicht für, sondern mit Schüler*innen beruflicher Schulen (Lern-)Module für eine aktuelle politische Bildung zu entwickeln wie etwa ein Planspiel. Darüber hinaus wurde für das Projekt ein Seminarprogramm entwickelt, das politische und historische Bildung verbindet. Dabei wird besonderes Augenmerk auf die Stärkung demokratiefördernder Kompetenzen, wie Meinungsbildung, Analysefähigkeit und gemeinsame Problemlösung, gelegt.

Projekterfahrungen – die Abwesenheit gelebter Demokratie

Zwar ist die quantitative Auswertung des Projekts noch nicht abgeschlossen, es lassen sich aber erste Beobachtungen teilen. Wie in den bereits erwähnten Studien zeigte sich auch bei der im Projekt eingebundenen Schüler*innenschaft, dass Familie und finanzielle Sicherheit dominante Orientierungspunkte für die eigene Lebensgestaltung darstellen. In der begleitenden anonymen Befragung zeigte sich außerdem, dass durchaus Vorbehalte insbesondere gegen Personen mit fluchtbedingter Migrationsgeschichte bestehen und das Recht des Stärkeren als gesellschaftliches Ordnungsprinzip gleichauf mit Chancengerechtigkeit liegt.

Dies gilt aber nicht für alle, denn gleichzeitig sind gut die Hälfte der befragten Schüler*innen solidarisch orientiert. Die meisten nehmen extrem rechte Akteur*innen als eine Gefahr für bestimmte Gruppen und den gesellschaftlichen Zusammenhalt wahr. Darüber hinaus sind Themen wie Black Lives Matter, Fridays for Future und #Metoo präsent. Jedoch scheint daraus in nur wenigen Fällen auch eine tatsächliche demokratische Praxis, im Sinne des politischen Engagements zu folgen. Dieser Eindruck bestätigte sich auch durch die Beobachtungen während der gemeinsamen Seminartage.

Nur eine deutliche Minderheit der teilnehmenden Schüler*innen ist Mitglied in einem Verein, noch seltener sind sie dort auch regelmäßig aktiv. Dabei handelt es sich fast ausschließlich um sich als männlich definierende Schüler, die in Sportvereinen aktiv sind. Erfahrungen mit explizit politischem Engagement sind kaum vorhanden, Interesse an Partizipation besteht zumindest bei etwa der Hälfte der Schüler*innen. Die politischen/schulischen Gestaltungsmöglichkeiten sind jedoch – je nach Schultyp – sehr unterschiedlich verteilt. Besonders den Berufsschüler*innen fehlen Bezug und Gelegenheit zur Mitbestimmung in der Schule. Gleiches trifft auf die Möglichkeiten zur Selbstorganisation zu. Auch in unserer Untersuchungsgruppe zeigt sich, was die Studie der Friedrich-Ebert-Stiftung „Wer hat, dem wird gegeben“ ebenfalls belegt, dass politische Bildung und die Vermittlung wichtiger demokratischer Grundkompetenzen in den einbezogenen beruflichen Schulen kaum vorhanden sind *7.

Was wir daraus mitnehmen.

Deutlich wurde für das Projektteam bisher vor allem eines: die befragte Gruppe der Schüler*innen beruflicher Schulen tendiert in Teilen zu autoritären Problemlösungen und weist eine relevante Distanz zu Demokratie als Gesellschaftsform auf. Es darf allerdings nicht der Eindruck entstehen, dass dies allein den Schüler*innen „anzulasten“ sei, denn neben individuellen oder familialen Faktoren, die Demokratiedistanz beeinflussen, können wir eine Vielzahl struktureller Benachteiligungen erkennen: fehlende Partizipations- und Gestaltungserfahrungen, strukturelle Vernachlässigung politischer Bildung und demokratiefördernder Kompetenzen in diesen Schulzweigen. Gerade hier ergeben sich aber Möglichkeiten für die sinnvolle Entwicklung von Gegenstrategien *8. So tut es Not, die Forschung im Bereich politische Bildung in der Berufsschule zu vertiefen – insbesondere auch unter geschlechter- und migrationsreflektierender Perspektive.

Das Projekt „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“ arbeitet gemeinsam mit den Schüler*innen an neuen Konzepten zur (interaktiven) Demokratieförderung. Denn eine demokratische Haltung kann erst dann gezeigt und in solidarisches Handeln übersetzt werden, wenn politische Zusammenhänge bekannt sind und ein Problembewusstsein für Ungerechtigkeiten oder Missstände besteht.

Fußnoten:

*1 Link zur SINUS-Jugendstudie: https://www.bpb.de/shop/buecher/schriftenreihe/311857/sinus-jugendstudie-2020-wie-ticken-jugendliche/, Link zur Jugendstudie Baden-Württemberg: https://www.jugendgerecht.de/downloads/Jugendstudie_2020_200629_Onlineversion_final.pdf

*2 Link zur Studie „Wer hat, dem wird gegeben“:  https://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/15611.pdf

*3 Siehe Shell-Jugendstudie-2019 S. 16f und 19. Quellenlink: https://www.shell.de/about-us/initiatives/shell-youth-study/_jcr_content/root/main/containersection-0/simple/simple/call_to_action/links/item0.stream/1642665739154/4a002dff58a7a9540cb9e83ee0a37a0ed8a0fd55/shell-youth-study-summary-2019-de.pdf  Zuletzt aufgerufen: 14.04.22, 16:20.

*4 Ebd., S. 13.

*5 Links zu den Wahlergebnissen: Landtagswahlen Hessen 2018 https://wahlen.hessen.de/land-hessen/landtagswahl/ergebnisse, Europaparlamentswahlen 2019 https://www.bundeswahlleiter.de/europawahlen/2019/ergebnisse/bund-99/land-6.html und Bundestagswahlen 2021 https://www.bundeswahlleiter.de/bundestagswahlen/2021/ergebnisse/bund-99/land-6/wahlkreis-169.html

*6 Daten von Response: https://hessenschauthin.de/chronik/. Zuletzt wurde in der Projektregion am 26.11.2021 ein Bericht über gesprühte Hakenkreuze in Eschwege, nahe der Anne-Frank-Schule eingestellt. Daten von TATORTRECHTS: https://tatortrechts.de/karte. Hier finden sich vor allem Einträge bis 2020. Es handelt sich maßgeblich um rassistische Angriffe. Der letzte Eintrag dokumentiert einen Angriff auf eine Pizzeria Anfang 2020 in Melsungen. Im Vorjahr wurde diese bereits mit rechten Parolen besprüht. Mut-gegen-rechte-Gewalt dokumentiert für 2015/16 unter dem Link: https://www.mut-gegen-rechte-gewalt.de/chronik-karte, mehrere Angriffe auf Wohnheime für Geflüchtete, inklusive eines Brandanschlags. Die Monitoring-Berichte des Beratungsnetzwerk Hessen zeichnen ein genaueres Bild https://beratungsnetzwerk-hessen.de/infos-presse/monitoring-berichte/. So wurden für Januar und Februar 2022 mehrere mutmaßliche Demonstrationsteilnahmen der neonazistischen Partei „III. Weg“ in mehreren osthessischen Städten verzeichnet. In Fulda wurde eine Person gesichtet, die mit Hakenkreuzfahne durch einen Stadtteil lief, außerdem gab es bei einer Person eine Hausdurchsuchung, bei der Schusswaffen und NS-Devotionalien sichergestellt wurden. Als sicher kann gelten, dass diverse rassistische, antisemitische und extrem rechte Über- und Angriffe sowie sog. Propagandadelikte wesentlich häufiger stattfinden, als erfasst wird.

*7 Link zur Studie „Wer hat, dem wird gegeben“:  https://library.fes.de/pdf-files/studienfoerderung/15611.pdf Sowohl bei der Frage nach dem Umfang des Politikunterrichts als auch der Einschätzung der Lerninhalte zeigt sich deutlich, dass berufliche Schulen und speziell Berufsschulen deutlich schlechter abschneiden. An Berufsschulen findet der Politikunterricht im Rahmen einer (59%) bzw. zwei (36%) wöchentlichen Schulstunden statt. Schon in der Berufsfachschule ist das Verhältnis umgekehrt. Ab der Ebene des beruflichen Gymnasiums liegt der Schnitt bei in etwa 3 Wochenschulstunden. (Vgl. S. 66ff.) In den Angaben zu den durch den Politikunterricht Erworbenen demokratiefördernden Kompetenzen und der Relevanz bestimmter Themen (z.B. Antisemitismus, Muslimfeindlichkeit, Rassismus, …) liegen die Umfragewerte beruflicher Schulen um 0,4 bis 1,0 Punkte unter den der „höheren Schulformen“ (Siehe S. 60ff).

*8 Einen bundesweiten Versuch darauf zu reagieren und konkrete Bedarfe zu ermitteln, stellt der Programmbereich F „Engagement und Vielfalt in der Berufs- und Arbeitswelt“ des Bundesprogramms „Demokratie Leben!“ dar. Der wissenschaftliche Abschlussbericht zu Demokratieförderung in der beruflichen Bildung, erarbeitet durch das Deutsche Jugendinstitut, findet sich unter: https://www.demokratie-leben.de/fileadmin/Demokratie-Leben/Downloads_Dokumente/WB-Berichte_1._Foerderperiode/Programmbereich_Modellprojekte_D_-_J/20210216_Abschlussbericht_barrierearm_DL_Arbeitswelt.pdf

Lektorat:

Claudia Neu, Prof. Dr., Lehrstuhl Soziologie Ländlicher Räume an den Universitäten Göttingen/Kassel.

Paul Lachmann

Paul Lachmann

Paul Miro Lachmann, MA, Projektleitung „Gestern wie heute – Haltung zeigen!“ Georg-August-Universität (Department für Agrarökonomie und Rurale Entwicklung) und Stiftung Adam von Trott, Imshausen e.V.

One Comment

  • Arnold Krämer sagt:

    Wer Versäumnisse politischer Bildung und der Persönlichkeitsentwicklung in der Zeit der Allgemeinbildung nachholen will, vergeudet Zeit und Geld. In der Berufsbildung darf die berufliche Qualifikation nicht zugunsten allgemeinbildender Inhalte zurückstecken. Es ist ohnehin schon schwer genug die Defizite bei Lesen, Schreiben, Rechnen auch nur halbwegs den beruflichen Anforderungen entsprechend auszugleichen.

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