”Gleichstellungsarbeit bedeutet, Barrieren sichtbar zu machen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und eine Kultur des Respekts und der Wertschätzung zu fördern – unabhängig von ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, einer Behinderung, Alter oder sexueller Identität.
Dr. Sabrina BethgeWissenschaftlerin und neue Gleichstellungsbeauftragte an der Agrar Fakultät Göttingen
Seit dem 1. Februar 2026 ist Dr. Sabrina Bethge als erste hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Agrarwissenschaften tätig. In dieser neu geschaffenen Position engagiert sie sich für Chancengleichheit, Vielfalt und faire Rahmenbedingungen in Studium, Forschung und Beschäftigung. Im folgenden Interview spricht Dr. Bethge über ihre neue Position, ihr Verständnis von Gleichstellungsarbeit und ihre Ziele für die kommenden Monate.
Frau Dr. Bethge, seit dem 1. Februar sind Sie Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät für Agrarwissenschaften. Können Sie sich kurz vorstellen und erläutern, wie Sie zu Ihrer neuen Rolle gekommen sind?
Gern. Ich habe in Göttingen Agrarwissenschaften studiert und mich bereits während meiner Promotion ehrenamtlich im Gleichstellungsteam engagiert. In dieser Zeit habe ich die Bedeutung dieses Amtes kennen und schätzen gelernt.
Anschließend war ich als Referentin für gleichstellungsorientierte Auswahlprozesse und Koordinatorin des Gleichstellungs-Innovations-Fonds tätig. Dabei durfte ich viele tolle und innovative Projekte unserer Universität begleiten und erleben, wie wichtig es ist, strukturelle Rahmenbedingungen zu schaffen, in denen alle ihr Potenzial ausschöpfen können.
Als ich erfuhr, dass die Position einer hauptamtlichen Gleichstellungsbeauftragten an der Fakultät ausgeschrieben wird, war die Freude groß. Denn die Stelle ist u a. das Ergebnis des langjährigen und engagierten Einsatzes unseres Gleichstellungsteams – und es ist mir eine Freude, diese Arbeit nun hauptamtlich fortzuführen.
Was hat Sie motiviert, diese Aufgabe zu übernehmen, und was bedeutet Gleichstellung und Gleichstellungsarbeit für Sie persönlich?
Gleichstellung ist für mich eine Menschenrechtsfrage (Art. 3, Abs. 2 Grundgesetz).
Gleichstellungsarbeit bedeutet, Barrieren sichtbar zu machen, gemeinsam Lösungen zu entwickeln und eine Kultur des Respekts und der Wertschätzung zu fördern – unabhängig von ethnischer Herkunft, Geschlecht, Religion, einer Behinderung, Alter oder sexueller Identität.
Mich motiviert die Überzeugung, dass wir mit dieser Arbeit wichtige Impulse setzen und Rahmenbedingungen schaffen, in denen alle Ihr Potential entfalten können. So stärken wir nicht nur unsere Studierenden und Mitarbeitenden, sondern auch unsere Fakultät und Universität.
Was sind die konkreten Aufgaben der Gleichstellungsbeauftragten an unserer Fakultät? In welchen Bereichen arbeiten Sie dabei mit der zentralen Gleichstellungsbeauftragten der Universität Göttingen sowie mit den anderen Fakultäten zusammen?
Gleichstellungsbeauftragte unterstützen die Fakultät bei der Erfüllung des gesetzlichen Gleichstellungsauftrags (Niedersächsischen Hochschulgesetz, § 42). Dies umfasst unter anderem die Mitwirkung bei der Erstellung des Gleichstellungsplans sowie bei Struktur- und Personalentscheidungen.
Darüber hinaus beraten und unterstützen wir – in enger Zusammenarbeit mit der Gleichstellungsbeauftragten der Universität – die Mitglieder der Fakultät bei sexualisierter Belästigung und Gewalt sowie bei Diskriminierungserfahrungen aufgrund des Geschlechts
Über den Gleichstellungsrat, der sich monatlich trifft, sind die Gleichstellungsbeauftragten aller Fakultäten und Einrichtungen miteinander vernetzt und im engen Austausch. So können wir fakultätsübergreifend Erfahrungen teilen und Themen anstoßen.
Sie sind die erste hauptamtliche Gleichstellungsbeauftragte der Fakultät. Welche Chancen sehen Sie in dieser neuen Struktur?
Die Einrichtung eines Hauptamtes für Gleichstellung an unserer Fakultät sehe ich als große Chance, der Gleichstellungsarbeit mehr Sichtbarkeit und Kontinuität zu geben. Zugleich ist sie ein Ausdruck der Wertschätzung und klaren Anerkennung der damit verbundenen Aufgaben.
Gleichstellungsarbeit ist umfassend und vielfältig. Diese Aufgaben allein auf die Schultern von Personen zu legen, die sich ehrenamtlich engagieren, hinterlässt Spuren – denn bei all den Anforderungen des Alltags bleibt kaum Zeit, strategisch und gestalterisch tätig zu werden.
Jetzt haben wir die Möglichkeit, uns gezielt auf die inhaltliche Weiterentwicklung zu konzentrieren, Prozesse anzustoßen und diese nachhaltig zu verankern. Ein guter Zeitpunkt also, um darüber nachzudenken, sich im Gleichstellungsteam zu engagieren. Wir freuen uns über Menschen, die Ihre Ideen und Perspektive einbringen wollen!
Daran anschließend gefragt: Wo sehen Sie aktuell besondere Stärken der Fakultät im Bereich Gleichstellung und Vielfalt – und wo bestehen aus Ihrer Sicht Herausforderungen oder weiteres Entwicklungspotenzial?
Um ein Beispiel zu nennen: Ein Blick auf die sogenannte Leaky Pipeline zeigt erfreuliche Entwicklungen: Zwischen 2021 und 2024 ist der Frauenanteil bei den Professuren von 20,7 % auf 29 % gestiegen. Damit liegen wir etwa im universitären Durchschnitt und sind auf einem guten Weg. Dennoch klafft bei der Besetzung von Professuren weiterhin eine Lücke, und insbesondere Frauen verlassen den Wissenschaftsbetrieb. Die Herausforderung besteht nun darin, die Gründe dafür zu identifizieren und gezielt Maßnahmen zu entwickeln, um diesem Trend entgegenzuwirken. Ziel sollte die Etablierung einer chancengerechten Arbeitsumgebung und Wissenschaftskultur sein, in der Wissenschaftler*innen langfristig wirken können.
Aktuell erarbeiten wir den fakultären Gleichstellungs- und Diversitätsplan. Damit haben wir Gelegenheit, konkrete Ziele in verschiedenen Bereichen zu formulieren, Maßnahmen zu entwickeln und zu verankern. Darin sehe ich eine große Chance, Entwicklungsprozesse anzustoßen und nachhaltig zu sichern.
Welche Themen liegen Ihnen zu Beginn Ihrer Amtszeit besonders am Herzen? Gibt es bereits erste Schwerpunkte oder Ideen, die Sie in den kommenden Monaten verfolgen möchten?
Zu Beginn meiner Amtszeit ist es mir besonders wichtig, die Gleichstellungsarbeit für alle Statusgruppen sichtbar zu machen und als verlässliche Anlaufstelle wahrgenommen zu werden.
Gleichzeitig möchte ich Netzwerke aufbauen – von den Studierenden bis zu den Professor*innen – und so den Austausch sowie die Zusammenarbeit innerhalb der Fakultät fördern.
Als weiteren Schwerpunkt möchte ich die konzeptionelle Umsetzung der Richtlinie zur Prävention und zum Schutz vor Diskriminierung auf fakultärer Ebene anstoßen. Dabei ist das Ziel, klare Standards und Abläufe zu entwickeln, um Betroffene wirksam zu unterstützen und eine respektvolle Arbeits-, Lehr-, Lern- und Forschungsumgebung zu fördern.
Und zum Abschluss eine persönliche Frage abseits Ihrer neuen Position: Was machen Sie, wenn Sie nicht mit Gleichstellungsarbeit beschäftigt sind und wie gelingt Ihnen der Ausgleich zum Berufsalltag?
Abseits meiner Arbeit bin ich gerne draußen an der frischen Luft und in Bewegung. Ich bin begeisterte Triathletin – für mich die perfekte Mischung verschiedener Disziplinen. Im Training wie auch im Leben tut es gut, mal die Perspektive zu ändern. Wenn ich darüber nachdenke, haben Triathlon und Gleichstellungsarbeit mehr gemeinsam, als man vermutet: Man braucht Ausdauer, muss flexibel und auch teamorientiert sein. Und wenn man am Ende das Ziel erreicht, ist das ein zutiefst erfüllender Moment – im Sport wie auch in der Gleichstellungsarbeit.
Team der dezentralen Gleichstellungsbeauftragten Agrar