Was war der Auslöser für Sie, sich mit dem Thema Saatgutsysteme zu beschäftigen?
Mich hat zunächst die Frage interessiert, wie stark wirtschaftliche Strukturen eigentlich beeinflussen, welche Vielfalt langfristig auf unseren Feldern vorhanden ist. Saatgut ist dafür ein besonders spannender Bereich, weil hier wirtschaftliche Entscheidungen unmittelbar mit biologischer Vielfalt verbunden sind: Welche Sorten gezüchtet werden, welche auf den Markt kommen und welche tatsächlich angebaut werden, beeinflusst letztlich auch die genetische Vielfalt unserer Kulturpflanzen. Es beeinflusst all die Möglichkeiten die wir haben uns an Klima und gesellschaftliche Veränderungen anzupassen.
Je tiefer ich in das Thema eingestiegen bin, desto klarer wurde mir, dass Saatgutsysteme nicht einfach nur Märkte für Saatgut sind. Sie sind soziale, wirtschaftliche und biologische Systeme, in denen Unternehmen, Züchtung, Regulierung, Landwirtinnen und Landwirte sowie genetische Ressourcen miteinander verbunden sind. Genau diese Verbindung macht das Thema für mich so interessant.
Was überrascht Menschen meist, wenn sie von Ihrem Beruf erfahren?
Viele sind zunächst überrascht, dass ich mich als Agrarökonomin nicht so sehr mit Preisen und landwirtschaftlichen Märkten beschäftige, sondern an der Schnittstelle zwischen Ökonomie, Politik, Ökologie und Sozialwissenschaften arbeite – und dabei recht viel mit Genetik und Datenwissenschaft auseinandersetze. Besonders spannend finde ich dabei die Frage, wie sich Regeln, wirtschaftliche Entscheidungen und technische Entwicklungen gegenseitig beeinflussen und dadurch langfristig unsere Agrarsysteme verändern.
Was machen Sie am liebsten, wenn Sie nicht am Arbeiten sind?
Ich verbringe sehr gerne Zeit in der Natur. Ich gehe gerne zum Gleitschirmfliegen oder Kayakfahren. Ich glaube, dass gerade diese Zeiten, in denen man nicht versucht, produktiv zu sein, oft erstaunlich viel Raum für neue Ideen schaffen.
Wo sehen Sie die größten Zielkonflikte zwischen gesellschaftlichen Erwartungen und landwirtschaftlicher Praxis?
Ein zentraler Zielkonflikt liegt für mich darin, dass die Gesellschaft von Landwirtschaft gleichzeitig sehr viel erwartet: Sie soll ausreichend und bezahlbare Lebensmittel produzieren, Biodiversität erhalten, Klima schützen, Tiere gut halten und ländliche Räume stabilisieren. Diese Ziele lassen sich nicht immer gleichzeitig und ohne Aushandlungen erreichen – und die Kosten und Risiken dieser Veränderungen werden häufig nicht gleichmäßig verteilt.
Gleichzeitig finde ich es wichtig, Landwirtschaft nicht nur als Verursacherin von Problemen zu betrachten. Landwirtinnen und Akteure innerhalb der Wertschöpfungsnetzwerke treffen ihre Entscheidungen innerhalb von Märkten, politischen Rahmenbedingungen, technischen Möglichkeiten und ökologischen Grenzen. Wenn wir Veränderungen wollen, müssen wir deshalb auch die Strukturen verändern, innerhalb derer diese Entscheidungen getroffen werden.
Was würden Sie den Studierenden heute unbedingt mit auf den Weg geben?
Ich würde ihnen raten, neugierig zu bleiben und sich auch für angrenzende Felder zu interessieren. Bereiche wie Digitalisierung und Klimaforschung sind relevant für alles was in der Agrarwirtschaft stattfindet und werden diese weiter prägen. Gerade in der Agrar- und Ernährungswirtschaft liegen die interessanten Fragen oft zwischen den klassischen Disziplinen. Und ich würde ihnen Mut machen, eigene Fragen zu verfolgen auch wenn zunächst nicht klar ist, wohin diese beruflich führen. Einen innovativen Geist haben und sich stetig weiterentwickeln.


